Dopingkontrollen: Dürfen Sportler Privatsphäre haben?
Zur Realisierung von Dopingkontrollen hat sich die World Anti-Doping Agency mit dem Anti-Doping Administration and Management System (ADAMS) ein Überwachungsinstrument geschaffen, von dem der Bundesinnenminster vermutlich nur träumen könnte. Um das Ziel des „sauberen Sports” zu erreichen tritt das Recht des Sportlers auf informationelle Selbstbestimmung völlig in den Hintergund.
In Deutschland müssen über 8000 Athleten ihren Aufenthaltsort in diesem System registrieren. Reichlich 1500 Athleten unterliegen dabei einer besonderen Kontrolle. Sie müssen nahezu ständig erreichbar sein und damit jede Änderung des Aufenthaltsortes in diesem Online-System protokollieren. Professor Benedikt Buchner von der Universität Bremen schreibt dazu unter dem Titel „Der gläserne Sportler” in der DuD (Ausgabe 8/2009):
Die Beispiele für eine Dokumentation, die [in ADAMS] zu finden sind, beziehen sich nicht nur auf einige wenige Stunden an Trainingseinheiten, sondern darüber hinaus auf eine Vielzahl von Aktivitäten ‒ sogar der Töpferkurs an der VHS Bonn soll offensichtlich ein zu dokumentierendes Tageselement sein, ebenso der Nebenjob im Fitnessstudio sowie „einmalige Aufenthaltsorte” wie das Bewerbungsgespräch oder das Abitur-Klassentreffen im Hotel Maritim. Und für den „Notfall” bietet ADAMS sogar die Möglichkeit, „in Ausnahme-Situationen ohne Internetzugang per SMS schnell und unkompliziert eine Änderung des eigentlich hinterlegten Aufenhaltsortes zu melden”. Auch eine neue Kneipen- oder Diskotheken-Bekanntschaft kann also am späten Abend noch ordnungsgemäß an ADAMS gmeldet werden, falls damit etwa eine außerplanmäßige Übernachtung außer Haus verbunden sein sollte.
Ja, geht's noch? ‒ In dem Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass den Sportlern bei der Anmeldung in diesem System eine Einverständinserklärung abverlangt wird, die den Eindruck macht, als ob keine andere Wahl bestehe, als diese zu akzeptieren. Damit verstößt dieses System wahrscheinlich sogar gegen deutsches Recht. Die Frage ist nur, ob dies die Welt-Anti-Doping-Organisation (WADA) in irgend einer Art und Weise kümmert.
Sehr interessant und von etwas allgemeinerer Natur ist auch ein Abschnitt weiter unten im Artikel:
Laut DAK-Bevölkerungsbefragung dopen sich fünf Prozent aller aktiv Erwerbstätigen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren am Arbeitsplatz [...]. Knapp die Hälfte davon nimmt sogar gezielt und regelmäßig leistungssteigernde und stimmungsaufhellende Medikamente ein, um die eigene Leistung am Arbeitsplatz zu verbessern. Medizinstudenten fordern mittlerweile, vor Universitätsprüfungen Urinproben zu verlangen, um die Prüfungsanforderungen nicht ausufern zu lassen.
Die ganze Sache ist zwar vielleicht etwas lustig, bei genauerer Betrachtung ziemlich beunruhigend. Fehlt nur noch eine Begründung von der WADA à la „Sie müssen ja kein Sportler werden, wenn Ihnen das nicht passt!”
Nachtrag: Die geistige Leistungssteigerung nennt man übrigens Neuro-Enhancement. Eine Wissenschaftlergruppe hat dieses Problem bereits in einem Memorandum betrachtet.
geschrieben am 12.Oktober 2009
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